Das Beste kommt bekanntlich zum Schluß! Daher nun zum Ende des (Korsett)Monats das lang ersehnte Interview mit DER Frau, die das Herz und die Seele der Korsettmanufaktur TO.mTO ist. Tonia Merz hat sich mit ihrem Können einen Namen unter Korsettliebhabern gemacht. Seit 2002 fertigt sie mit ihrem Team in der Berliner Korsettmanufaktur Schnürendes und Schönes in liebevoller Handarbeit. Mit der nötigen Leidenschaft fürs Detail erfüllt sie ihren Kunden alle erdenklichen Korsettwünsche und hat es geschafft ein jahrhundertealtes Handwerk neu erblühen zu lassen!
Wie muss ich mir die Frau hinter TO.mTO vorstellen? Magst Du Dich ein wenig beschreiben?
Kurzum: ein kurviges, kurzhaariges Energiebündel :-) Ich bin 36, diplomierte Modedesignerin und betreibe seit 8 1/2 Jahren mit großer Leidenschaft meine Korsettmanufaktur TO.mTO Berlin.
Wie und wann hast Du Deine Liebe zum Korsett entdeckt?
Nicht ich habe die Liebe zum Korsett entdeckt sondern das Korsett seine Liebe zu mir :-) ….
Es hat mich eben gerufen! Im Rahmen meines Studiums absolvierte ich 1999 ein 6-monatiges Praktikum in London, unter anderem bei einer der führenden Korsettdesignerinen Englands, Velda Lauder. Antrieb hierfür war zunächst nicht primär das Korsett, sondern die Begeisterung, die die Person Velda Lauder in einem Zeitungsinterview in mir auslöste. Ich orientierte mich zu diesem Zeitpunkt schon aus der konventionellen Modebranche weg, weil sie mir zu schnelllebig und oberflächlich erschien.
Im Praktikum lernte ich dann Veldas Korsetts kennen und erlag schnell der der Faszination dieses Kleidungsstücks; der weiblichen Anziehung aber auch der Kraft dieses Kleidungsstückes, das in der Lage ist dem Träger eine völlig andere Körpersprache zu verleihen. Ich lernte also die Grundlagen der Korsettfertigung und entdeckte, wieviel Spaß mir die handwerkliche Arbeit mit dem Korsett machte. Wie sehr mich die hohen Anforderungen des Korsetts bezügliche Qualität und Passform zu einer technisch perfekten Umsetzung ansporten. Mein Produktentwicklerherz war entflammt.
Ganz nebenbei erkannte ich, das mir die Fetischbranche große Perspektiven bot, weil es dort zur Jahrtausendwende noch viel Platz für gutes Design gab und sich unsere Gesellschaft auf dem Weg in eine sehr freizügige, hedonistische Zeit befand. Das Korsett wurde schliesslich – auch dank Filmen wie Moulin Rouge – gerade öffentlichkeitstauglich.
Ein anderer Aspekt, der mir – bis heute – große Freude bereitete, ist die Nähe zum Kunden, die durch das Korsett entsteht. Für viele meiner Kunden ist das Korsett ein sehr besonderes Kleidungsstück. Es wird aus ganz individuellen und tiefen, persönlichen Gründen gekauft, die es deutlich von Alltagskleidung unterscheiden und an denen mich die Kunden teilhaben lassen. Meistens geht es dabei um viel mehr als “nur” Fashion.
Ich kehrte nach Berlin zurück, hängte meine Barjob im Nachtleben an den Nagel und begann Korsetts als Einzelanfertigungen herzustellen. Mein Weg war klar – das ist es was ich machen wollte und will. Ich beendete mein Studium 2001 mit dem Diplomthema Korsett und gründetet 2002 meine Firma.
Was inspiriert Dich bei Deiner Arbeit und gibt es Vorbilder denen Du nacheiferst?
Meine Kundinnen und Kunden sind die wesentliche Inspiritation für ihr persönliches Korsett. Ich habe mich ganz bewusst gegen den Entwurf klassicher Kollektionen entschieden und für die individuelle Einzelanfertigung, weil ich glaube, das die Schönheit des Einzelnen durch ganz unterschiedliche Mittel betont wird. Ich versuche das Wesen, den persönlichen Stil und die Lebensumstände meines Gegenübers zu erkennen und im dazu passenden Korsett umzusetzen. Das muss nur in soweit meinem persönlichen Geschmack entsprechen, daß es mir an der betreffenden Person gefällt.
Zu meiner “Ziehmutter” Velda habe ich ja bereits einiges erzählt. Ich würde sie aber nicht als Vorbild, sondern als Auslöser für meine Arbeit bezeichnen. In der Praxis versuche ich sogar bewusst, die Parallelen zwischen unseren Arbeiten so gering wie möglich zu halten.
Als großes Überthema inspirieren mich Geschlechterindentitäten ungemein. Das Spiel mit femininen und maskulinen Reizen, Rollenklischees und das Brechen der selbigen. Manchmal ist es wirklich unglaublich, wie sehr wir immer noch in unseren klassichen Mustern gefangen sind.
Wie lange braucht es von der Idee oder dem Kundenwunsch bis zum fertigen Stück?
Für den Bestellvorgang – sprich Anprobe unterschiedlicher Korsettschnitte, Festlegen der Form und evetueller Schnittänderungen, Austausch von Ideen, Auswahl des Stoffes und der Designdetails – plane ich normalerweise 1- 1,5 Stunden ein. Wenn es sich um ganze Outfits, z.B. Brautkleider handelt, oder der Kunde eher zu den Unentschlossenen gehört, kann das aber auch mal bis zu 4 Stunden dauern.
Bei grösseren Schnittänderungen oder kniffelige Passformfragen folgt nach ca. 2 Wochen ein Zwischenanprobetermin. Der findet meistens in unserer Werkstatt statt, da wir das halbfertieg Korsett oft mehrfach an und aussziehen und umgehend ändern um die perfekte Passform zu erhalten.
Danach dauert es bis zur Fertigstellung etwa weiter 2 Wochen. Ingesamt beträgt unsere Lieferzeit also meistens 4 bis maximal 6 Wochen.
Durch wieviele Hände geht mein Lieblingsstück in der Produktion?
1. Paar Hände: Zugeschnitten und genäht werden unsere Korsetts immer von Anfang bis Ende von einer Schneiderin.
2. Paar Hände: Oft wird es von jemand anderem geschnürt.
3. Paar Hände: Danach gelangt es zu der Person, die die Qualitäskontrolle macht und die niemals die gleiche ist, die das Korsett genäht hat.
4. Paar Hände: Am Schluss probieren ich oder eine meiner Verkaufs-Mitarbeiterinnen es der Kundin noch einmal an.
Warum hast Du Dich gerade für made in Germany entschieden?
Weil ich in England gemerkt habe, was “Made in Germany” ausmacht: Genauigkeit, Gründlichkeit, Know-How und Qualitätsanspruch. Mein in dieser Hinsicht sehr deutsches Herz, hätte es nicht fertig gebracht hübsche Korsetts in mieser Qualität aus Fernost zu verkaufen.
Ausserdem wollte ich als Unternehmerin auch soziale Verantwortung übernehmen. Es kam für mich nie in Frage, in Billiglohnländern fertigen zu lassen aber gleichzeitig vom Wirtschaftsstandort Deutschland zu profitieren. Wir sägen am eigenen Ast und werden unseren noch relativ hohen Lebensstandard endgültig zerstören, wenn alle den Produktionsstandort Deutschland der Preise wegen verlassen. Zumal mein Geschäftskonzept auch nur mit einer Werkstatt direkt vor Ort funktioniert.
Trägst Du selber Korsett? Ich könnte mir vorstellen, das Du einen ganzen Kleiderschrank voll davon hast!
Natürlich trage ich auch selbst Korsetts und da ich zu allen Messen und vielen öffentlichen Events Korsett trage, sind es natürlich einige. Ich gestehe aber, daß es seltener geworden ist. Durch den großen Raum den das Thema in meinem Leben einnimmt, hat das Korsett für mich auch etwas vom Besonderen verloren …. Ausserdem lebe ich meinen persönlichen Korsettfetisch ja auch täglich aus, indem ich Menschen in Korsetts kleide :-)
Welches ist Dein Lieblingsmodell?
Von den Überbrustmodellen das Brisa und bei den Unterbrustmodellen das Scirocco.
