Schlüsselreiz Taille

2. Soziokulturelle Faktoren

Die zweite wichtige Art von Faktoren bei der menschlichen Partnerwahl, sind soziokulturelle Faktoren. Das heißt, jene Vorlieben und Wertvorstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens selbst bilden oder durch unser soziales Umfeld erlernen. Bezüglich der körperlichen Attraktivität des Partners, sind dies in erster Linie die persönlichen Vorlieben, die wir anhand von eigenen Erfahrungen entwickelt haben, gepaart mit den wechselnden, modischen Schönheitsidealen.

Das allgemeine & persönliche Schönheitsideal

Das jeweils vorherrschende Schönheitsideal steht stets in engem Zusammenhang, mit der momentanen Situation der Gesellschaft. Situationen wie Krieg, Frieden, Armut und Wohlstand spielen hier eine große Rolle.

So findet man in eher armen Kulturen häufig fülligere Frauen attraktiv, da sie durch ihre Wohlgenährtheit Wohlstand und Erfolg des Ehemanns zur Schau stellen. Auch die Rolle der Frau an sich hat großen Einfluss. Das knabenhafte Ideal der Frau in den 20er Jahren hängt eng mit der Emanzipation der Frau zusammen. Dieses Empfinden von Schönheit ist also eindeutig kulturell beeinflusst. Das ganz persönliche Schönheitsideal jedes Menschen - sowohl bezüglich des eigenen wie auch des anderen Geschlechts - setzt sich aus dem allgemeinen Schönheitsideal der Umwelt, sowie persönlichen Eindrücken und Erfahrungen aus der Vergangenheit zusammen. Vater oder Mutter spielen beispielsweise bei der Geschmacksbildung eine ebenso große Rolle wie die erste, große Liebe einer Person.

Die Sprache der Mode

Die wirksamste Methode, den eigenen Körper dem gerade vorherrschenden Schönheitsideal anzupassen - und auch umgekehrt neue Schönheitsideale zu erzeugen - ist seit jeher die Bekleidung. Bekleidung betont oder negiert bestimmte Körpermerkmale und erzeugt so einen fiktiven Körper. Es ist jedoch nicht nur die erzeugte Körperform, sondern auch die Aussage der getragenen Kleidung, die sich dem Betrachter vermittelt und ihn entscheiden lässt, ob er den Träger als attraktiv einstuft oder nicht.
Die heute existierende Mode ist ein kompliziertes Gebilde aus Symbolen und Codes, die sich über lange Zeit entwickelt haben und kulturell bedingt sind. Diese Bedeutung wird an nachfolgende Generationen weitergegeben, von den Jüngeren jedoch auch immer wieder neu interpretiert. Meistens wird hierbei die Grundbedeutung jedoch beibehalten - sie wird nur auf eine neu ironische, humorvolle oder provozierende Weise eingesetzt. Sowohl Träger, wie auch Betrachter - sofern sie der gleichen Kultur angehören - kennen die Symbolik bestimmter Kleidungsstücke - auch wenn sie diese manchmal unterschiedlich auslegen.
Ob taillenbetonte Bekleidung gerade von der Allgemeinheit als ansprechend empfunden wird oder nicht, ist den jeweiligen Moden unterworfen. Die Aussage, die durch eine betonte Taille getroffen wird, war und ist jedoch immer die gleiche: Unterstreichung der Weiblichkeit.
Diese Symbolik versteht jeder auf den ersten Blick. Zum einen, weil man gelernt hat, dass vorwiegend weibliche Kleidung immer wieder stark tailliert wurde, zum anderen weil es auf die Silhouette des weiblichen Körpers (und das instinktive Wissen um die schmale Taille, siehe oben) zurückgreift.

Die Symbolik des Korsetts

Betrachten wir das Korsett unter den erläuterten Faktoren, wird schnell klar, warum es bis heute überlebt und sich seine Signalwirkung nie verloren hat.
Seit jeher war es ein Mittel der Frauen, ihre körperliche Attraktivität zu erhöhen, in dem sie den Männern vortäuschten, in ihr soziobiologisches "Beuteraster" zu passen. Sie erzeugen einen fiktiven, erotisch besonders anziehenden Körper mit schmaler Taille, dessen Wirkung sich kaum ein Mann entziehen kann. Instinktiv wird er von durch sein evolutionsbedingtes Unterbewusstsein von der besonders femininen Silhouette angezogen.
Die kulturell bedingte, erotische Bedeutung des Korsetts stammt zum einen daher, dass diese Taktik erfolgreich war, zum anderen weil das Korsett lange Zeit als Teil der Unterwäsche eng mit dem Vorgang des ent- bzw. ankleiden verbunden war und dadurch, gerade im prüden 19. Jahrhundert, etwas sehr intimes und "verbotenes" beinhaltete.
Diese Belegung ist als soziokulturelles Wissen bis heute erhalten geblieben ist. Gemeinsam mit Strumpfband, Strapse und Nahtnylons wird es in westlichen Kulturen als erotisches Symbol eingeordnet. Jungen erlernen diese Inhalt bereits in früher Jugend und empfinden diese Kleidungsstücke als aufregend, bevor sie sie jemals selbst zu Gesicht bekommen haben. Ein Junge aus einem anderen Kulturkreis könnte dies sicher nur schwer nachvollziehen.

Der Erfolg des Korsetts und die beinahe magische Wirkung, die es auf viele Männer ausübt, beruht also aus einer Mischung aus genetisch verwurzeltem Verhalten und kulturell erlerntem Wissen. Alle Frauen, die jemals ein Korsett getragen haben, sind sich dieser Wirkung durchaus bewusst - und viele von ihnen setzen sie gezielt als Machtmittel ein.

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer