Die Rolle des Korsetts im 21. Jahrhundert

3. Typisierung verschiedener Korsettträger

Bedingt durch das Gesellschaftsbild im 21. Jahrhundert, haben sich mehrere Typen von Korsettträgern entwickelt. Sie tragen verschiedene Arten von Korsetts und haben sehr unterschiedliche Motive hierfür. Ich habe anhand meiner Beobachtungen der Korsettszene 7 Hauptgruppen von Korsettträgern ausmachen können. Viele Korsettträger stellen Mischformen der Gruppen dar, da sich die einzelnen Szenen häufig überschneiden.

Die Extrovertierte
Abb.18: Die Extrovertierte, die ihre Umwelt provoziert. Korsett von J Design, 1999 Bei diesen Korsettträgerinnen handelt es sich überwiegend um junge, selbstbewusste Frauen zwischen 18 und 35, die modisch interessiert sind. Sie setzen ihre Weiblichkeit bewusst als Waffe ein und provozieren ihre Umwelt gerne mit ihrem extrovertierten Auftreten. Viele von ihnen sind von Subkulturen wie Punk, Gothik und neuerdings Cyberpunk beeinflusst. Doch auch die Käuferinnen der aktuellen Designerkorsetts gehören in diese Sparte. Sie tragen das Korsett in der Regel als Oberbekleidung offen zur Schau. Daher soll es auch weniger an historische Korsetts erinnern, die ja primär zur Unterbekleidung gehören, sondern soll in Material, Farbe und Design modern und trendorientiert sein. Die meisten dieser Kundinnen wünschen eine weniger extreme Taillenreduzierung, da sie zu ungeübt sind und das Korsett nur gelegentlich tragen. Der Gesamteindruck des Korsetts steht im Vordergrund. Eine Reduzierung von 5 - 10 cm ist meist ausreichend. Die Gruppe besteht zu 90% aus Frauen, zu 9% aus Männern in Frauenkleidung und nur zu 1% aus normalen Männern, da es kaum ein Angebot an modischen Männerkorsetts gibt und das Männerkorsett von modeinteressierten Männern in unserem Jahrhundert bisher unbeachtet blieb.
Die Traditionelle
Die Abb.19: Traditionelle Ballkleider mit Korsett Diese Gruppe von Korsettliebhabern ist vorwiegend über 30 Jahre alt und führt ein relativ konservatives Leben. Dazu passend frönen sie ihrer Leidenschaft auch lieber in privaten Kreisen und unter Gleichgesinnten denn in der breiten Öffentlichkeit - ein Grund hierfür ist das traditionelle Frauenbild, dass sie mit dem Korsett verbinden, welches heute doch sehr umstritten ist. Bei vielen Frauen dieser Gruppe, verbirgt sich hinter dem Interesse am Korsett und oftmals auch historischen Kostümen, sprich Krinolinen etc., der starke Wunsch, zumindest zeitweise Prinzessin zu sein und nicht die emanzipierte, selbstständige Frau des 21.Jahrhunderts. Dieses Phänomen kennen die meisten weiblichen Personen aus ihren Kindheitstagen und ist in der Hochzeitsmode deutlich zu erkennen. Das Korsett wird meistens, ganz im klassischen Sinne, als Unterbekleidung betrachtet. Es ist nach historischen Vorlagen und aus typischen Korsettstoffen wie Damast, Brokat, Satin oder Drell gefertigt. Auch die Farbigkeit ist eher traditionell - schwarz, weiß, hellblau, creme, lachsfarben....
Viele Frauen dieser Gruppe, entwickeln eine große Leidenschaft für das Korsett. Einige machen es zum festen Bestandteil ihrer Garderobe machen und tragen es täglich
oder an mehreren Tagen pro Woche als Unterbekleidung. Bei regelmäßigem Gebrauch gewöhnt man sich schnell an das Tragegefühl eines Korsetts und steigert schrittweise die Taillenreduzierung. 10-20 cm sind nicht außergewöhnlich und gesundheitlich unbedenklich, solange der Körper langsam trainiert wird. Ganz ähnlich wie die Frauen im letzten Jahrhundert, entwickelt beinahe jeder erstaunlichen Ehrgeiz und Eitelkeit, wenn es um die Verringerung des Taillenumfang geht. Trotzdem haben die meisten dieser Kunden ein natürliches Schönheitsempfinden und beenden die Verringerungsschritte, sobald das
Taillen-Hüft-Verhältnis aus dem Gleichgewicht zu kommen scheint. Dies ist etwa bei einem Wert von 0.55 ( Taille entspricht dem 0.55-Fachen des Hüftumfangs) der Fall.
Die Gruppe besteht etwa zu 80% aus Frauen, 10% aus Männern, die das Korsett im traditionellen Sinne eines Männerkorsetts tragen und zu 10% aus Männern in Frauenkleidung.
Der Crossdresser
Abb. 20: Der Crossdresser Ru Paul, Travestiekünstler Crossdresser nennt man Menschen, die durch Kleidung und Styling ein anderes Geschlecht als ihr biologisches darstellen. Bezüglich des Korsetts sind das Männer in Frauenkleidung.
Es gibt hierbei im wesentlichen 3 Gruppen. Drag Queens und Travestiekünstler, die sich zu Showzwecken zeitweise in Frauen verwandeln; Transvestiten, die von Zeit zu Zeit ein starkes Bedürfnis verspüren, Frauenkleider zu tragen, was in engem Zusammenhang mit sexueller Erregung steht und als drittes transsexuelle Männer, die sich generell nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren und als Frau leben möchten (und tun).
Das Korsett erfüllt jedoch bei allen die gleiche Hauptfunktion: den maskulinen Körper sowohl für sich selbst, wie auch nach außen zu feminisieren.
Die Schnittführung des Korsetts sollte idealerweise zwar der Anatomie des männlichen Körpers angepasst sein, diese jedoch nicht betonen, sondern in eine weibliche Richtung modifizieren. Optisch erreicht man bei einer Schnürung von 10-20 cm keine atemberaubend schmale Taille, sondern eher den Eindruck einer normalen, weiblichen Taille. Um eine echte Sanduhrensilhouette zu erzeugen, muss das Korsett 20 -30 cm schmaler als die ursprüngliche Taillenweite sein. Bei korpulenten Crossdressern reicht ein so hoher Wert gerade aus, um überhaupt eine Taillierung zu erreichen.
Die Gestaltung des Korsetts lässt sich nicht verallgemeinern, da der erzeugte Frauentyp sehr unterschiedlich aussehen kann.
Diese Gruppe besteht selbstredend zu 100% aus Männern, bzw. Menschen, die männlich geboren wurden.
Der Korsettfetischist
Abb. 20: Der Abb. 21: Ethal Granger - die schmalste Taille der Welt mit 32,5 cm Der Korsettfetischist ist quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten unserer Gesellschaft zu finden (Fetisch - Mode, Sex und Macht S. 19 - 38). Fetischismus im eigentlichen Sinne bedeutet, dass der Fetischist eine bestimmte Sache oder ein bestimmtes Körpermerkmal benötigt, um sexuelle Erregung zu verspüren. Dies können z.B. lange Haare, große Brüste aber auch Schuhe, Dessous, Latexbekleidung oder Korsetts sein.
Die Motive für dieses Phänomen sind bis heute nicht ausreichend erklärt. Wissenschaftler wie Freud und Krafft-Ebing suchen die Gründe im Unbewussten oder in einer sexuellen Fehlentwicklung und erklären das Fetischobjekt zum Ersatzobjekt für die lebendige, echte Frau, die dem Fetischisten Angst bereitet. Doch es gibt auch Hinweise darauf, dass es biologische Ursachen gibt oder sich um ein evolutionsbedingtes Phänomen handelt.
Auch die Tatsache, dass echter Fetischismus, mit wenigen Ausnahmen, nur Männer betrifft, ist zwar wissenschaftlich erwiesen aber die Gründe nicht geklärt.
Ein Grund liegt wohl in der unterschiedlichen Sexualität von Männern und Frauen. Männer reagieren in der Partnerwahl viel stärker auf optische Reize als Frauen und die meisten Fetischformen sind in schwacher Form bei nahezu allen Männern wieder zu finden.
Es gibt zwei Formen von Korsettfetischismus im eigentlichen Sinne. Entweder trägt der Fetischist das Korsett selbst und das Tragegefühl und die damit verbundene Symbolik verschafft ihm sexuelle Lust oder seine Partnerin muss ein Korsett tragen, um ihn sexuell zu erregen. Viele Korsettfetischisten empfinden auch den Vorgang des Schnürens bzw. des Geschnürtwerdens selbst als sehr erregend. Die Korsetts dieser Gruppe können sehr unterschiedlich gestaltet sein. Sie sind jedoch meistens entweder historischen Vorbildern aus dem 19.Jahrhundert nachempfunden oder gehen in eine eindeutig erotische Richtung. Durch Materialien wie Satin, Leder oder Latex (die ja auch fetischierbar sind) und Ausstattung mit Strumpfhaltern wird dieser erotische Reiz betont. Häufig hat der Fetischist sehr genaue Vorstellungen wie das Korsett gearbeitet sein soll - dies ist jedoch von Fall zu Fall unterschiedlich.
Die Gruppe besteht, wie bei allen echten Fetischen, zu über 99% aus Männern. Der Anteil fetischistischer Frauen liegt generell bei unter 1%.
Die Schnürfanatikerin und ihr männliches Pendant
Abb.22: Mr.Pearl in eng geschnürtem Männerkorsett Die weibliche Form des Korsettfetischismus ist kein Fetischismus im eigentlichen Sinne, sondern eine extreme Leidenschaft - ein "Fetisch der Zahlen und Maße" (Fetisch - Mode, Sex und Macht S.67). Es ist die Sucht nach einer immer schmaleren Taille und einem immer engeren Korsett. So werden Korsetts, die eine geringere Weite als 45 cm haben, als Fetisch-Korsetts betrachtet.
Momentan gibt es mehrere Frauen, die sich seit Jahren schnüren und versuchen den Weltrekord der Engländerin Ethel Gray von 32,5 cm zu brechen. Diese korsettierte sich mehrere Jahrzehnte, um ihre Taille von 57,5 cm auf die besagten 32,5 cm zu reduzieren (s. Abb.21).
Diese Form des "Fetischismus" betrifft vorwiegend Frauen - es ist eine übersteigerte Form der weiblichen Eitelkeit, wenn auch eine, die, ähnlich wie Magersucht, das normale Ästhetikempfinden außer Acht lässt.
Doch es gibt auch einige wenige Männer, die diesem Schnürwahn verfallen sind, ohne dabei eine Feminisierung ihres Körpers zu verfolgen. Die bekanntesten von ihnen sind Fakir Mustafa, der seine Taille von 72,5cm auf 47,5cm reduzierte und Mr. Pearl, ebenfalls mit einer 47,5cm Taille (s. Abb.22). Fakir Mustafa gibt an Korsetts zu tragen, um seine Grenzen zu erforschen und ist begeisterter Anhänger von Körpermodifikationen. Für Mr. Pearl dagegen bedeutet das Korsett Disziplin und Selbstkontrolle (Mode, Sex und Macht S.66 - 86).
Die Korsetts der Zugehörigen dieser Gruppe können sehr verschieden aussehen - meist jedoch eher klassisch. Allen gemein ist jedoch die extreme Taillenreduzierung von mindestens 20cm - 35 cm, die von Außenstehenden zumeist als unästhetisch empfunden wird.
Die Gruppe besteht zu 95% aus Frauen und 5% aus Männer
Sadomasochisten
Abb.23: Typische SM-Phantasie von Eric Stanton, beide Seiten - Devote wie Dominante - tragen Korsett In der S/M Szene erfreut sich das Korsett seit dem 19.Jarhundert größter Beliebtheit.
Es wird sowohl von Männern als auch von Frauen getragen und kann, ähnlich wie High Heels, sowohl eine devote wie dominante Bedeutung beinhalten.
Trägt der Devote ein Korsett, spielen zwei Aspekte des Korsetts eine besondere Rolle. Zum einen seine psychische Wirkung als Unterdrückungsmittel, Werkzeug für Unterwerfung, Bestrafung und Disziplinierung sowie Auslieferung im Sinne von Bondage - also seelischem Sadomasochismus. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Klischeerolle des Korsetts als Mittel, die Frau gefügig zu machen.
Männliche Sklaven werden durch das Tragen eines Frauenkorsetts (und anderen weiblichen Kleidungsstücken, z.B. Zofenkostümen) zusätzlich gedemütigt. Der zweite Aspekt ist die physische Wirkung des Geschnürtseins im Sinne von körperlichen Schmerzen und "unangenehmer" Enge - also körperlichem Sadomasochismus.
In der Welt der Dominanten ist das Korsett ausschließlich den Frauen vorbehalten.
Es unterstreicht ihre Weiblichkeit, welche Teil ihrer Macht ist. Der Sklave darf das lockende Weib zwar betrachten, aber nicht besitzen. Zusätzlich verleiht ein Korsett seinem Träger stets eine sehr gerade, aufrechte Haltung sowie einen stolze Gang, was ebenfalls den Eindruck der Überlegenheit steigert. Desweiteren hat es die Funktion eines Panzers, der sowohl Schutz verleiht, wie Stärke vermittelt.
Die Korsetts sind meistens aus Leder, Lackleder, Latex oder Satin hergestellt. In der Regel sind sie in S/M-typischem Schwarz gehalten, seltener in anderen Farben und häufig mit Metallteilen wie Nieten, Schnallen, D-Ringen u.s.w. versehen. Übernimmt das Korsett einen Part in einem bestimmten Rollenspiel, so richtet sich das Design nach dem "Storyboard" - dann kann das Korsett z.B. historisch oder sehr futuristisch sein.
Die Gruppe besteht zu 20% aus dominanten Frauen, zu 50% aus devoten Frauen und zu 30% aus devoten Männern.
Sex Sells
Abb. 24: Typisches Korsett aus dem Angebot eines Erotikversands Die letzte Gruppe von Korsettträgern, sind alle, die das Korsett mit seiner Bedeutung im "normalen" sexuellen Bereich verbinden.
Dies sind zum einen alle Frauen und Paare, die es gelegentlich als Würze des eigenen Sexlebens benutzen. Desweiteren nutzen sowohl Prostituierte wie Pornoindustrie das Korsett um Sex und Erotik zu verkaufen. Bestes Beispiel hierfür sind die "leichten Mädchen" der Berliner Oranienburger Straße, die reihenweise in den gleichen, eng geschnürten Taillenkorsetts am Straßenrand stehen.
Für alle genannten ist es ein Mittel, der männlichen Norm entsprechend, Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung zu verkörpern.
Auch wenn uns diese Art ein Korsett zu tragen am oberflächlichsten und undifferenziertesten erscheint, so ist es doch die am weitesten verbreitetste und für viele Menschen am ehesten nachvollziehbare. Der Erfolg der Verkaufsstrategie bestätigt dies - Sex sells, vor allem bei Männern.
Diese Korsetts entsprechen voll und ganz dem erotischen Standart - Satin oder Lackstoff; Rot, Schwarz, Weiß; meistens brustfrei, manchmal mit Spitze oder/ und Strumpfhaltern versehen. Die Taillenreduzierung beträgt zwischen 0cm und 10cm.Sie sind meist ein qualitativ minderwertiges Massenprodukt und werden dafür viel zu teuer - aber immer noch recht günstig im Gegensatz zu hochwertigen Korsetts - in Sexshops und Erotikversand angeboten.
Meist dienen diese Korsetts nur als kurzzeitiges Spielzeug. Daher sind Passform und Qualität wesentlich nebensächlicher als bei allen anderen vorgestellten Gruppen - allein die Optik zählt. Für viele Korsettinteressierte stellen sie jedoch die Möglichkeit dar, zu einem annehmbaren Preis erste Erfahrungen zu sammeln, zumal Sexshops auch die naheliegendste Bezugsquelle darstellen. Doch sollte die Korsettleidenschaft erst einmal geweckt sein, wird man die betreffenden Personen schnell in einer der oberen Gruppen wiederfinden.
Diese Korsetts werden fast zu 80% von Frauen getragen - initiiert ist dies jedoch meistens von Männern - Partnern, Freiern oder Pornoproduzenten.
Die verbleibenden 20 % sind Crossdresser. Für sie bieten Sexshop und Versand die Möglichkeit des anonymen bzw. unbehelligten Einkaufs. Sie haben jedoch meistens keine echte Freude an diesen Konfektionskorsetts, denn die Passform ist für Männerkörper nicht geeignet und dadurch sehr unbequem und optisch unbefriedigend. Zusätzlich ist das Korsett durch die starke Modifikation einer solch hohen Belastung ausgesetzt, dass die mindere Qualität schnell Materialmüdigkeit aufweist.

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer