Die Rolle des Korsetts im 21. Jahrhundert

2. Der Wandel der Geschlechterrollen

Die moderne Bedeutung des Korsetts ist eine grundlegend andere und wesentlich vielschichtigere, als die, die es im 1900 Jahrhundert hatte. Dies hat vor allem mit der Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen, insbesondere die der Frau zu tun.
Bedingt durch die Industrielle Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, haben sich eine völlig neue Gesellschaftsordnung und damit klarer definierte Geschlechterrollen entwickelt. Der Mann verlässt das Haus um für den Lebensunterhalt und größtmöglichen Wohlstand zu sorgen, die Frau bleibt zuhause, um sich um Haushalt und Kinder zu kümmern und wird zum Statussymbol, das den beruflichen Erfolg des Mannes repräsentiert.

Dieses Schema hat sich bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gehalten. Durch die Studentenbewegung ab 1968 geriet es erheblich ins Wanken. Besonders die jungen Frauen wollten mehr Gleichberechtigung, Chancengleichheit im Berufsleben und wehrten sich gegen patriarchale Diskriminierung und Abwertung. Die Erfindung der Antibabypille brachte die sexuelle Revolution, durch die vorehelicher Geschlechtsverkehr alltäglich wurde und besonders den Frauen zu einer völlig neuen, sexuellen Freiheit verhalf. Im Laufe der 70er Jahre veränderte sich tatsächlich einiges im klassischen Rollenverhalten. Junge Männer und Frauen waren schon optisch kaum von einander zu unterscheiden - das besondere daran war, dass sich die Männer extrem weiblich zeigten - man denke nur an die effeminierten Glam Rock Stars wie David Bowie oder Iggy Pop. Die junge Generation versuchte neue Lebensentwürfe umzusetzen. Freunde lebten in Kommunen zusammen und übernahmen die Rolle der Familie, Paare bekamen Kinder ohne Trauschein und diese wurden in Kinderhäusern - entgegen den traditionellen Vorstellungen - antiautoritär erzogen, während beide Elternteile studierten oder arbeiteten.

Mit zunehmender Bildung der Frauen schwand auch deren finanzielle Abhängigkeit von den Männern. Durch das Verdienen des eigenen Lebensunterhalts verlor der Mann seine Ernährerfunktion. Dadurch musste sich auch der Mann neu definieren, was zu einigen Schwierigkeiten führte. Das alte Männerbild des Machos hatte ausgedient. In den 80er Jahren forderten die Frauen lauthals den weichen, sensiblen Hausmann, der ihnen - den starken, beruflich erfolgreichen Frauen - den Rücken frei hielt um Karriere zu machen. Dass diese totale Umkehrung der Geschlechterrollen nicht funktionierte, lag daran, dass ein großer Teil unseres Verhaltens eben doch genetisch bedingt und nicht nur kulturell erlernt ist. Weder konnten sich die Männer mit ihrer neuen Rolle vollkommen identifizieren, noch fanden die Frauen den "Softie" besonders begehrenswert. Den Frauen, die sich voll aus der klassischen Rolle befreit hatten, ging es ähnlich - sie merkten bald, dass sie doch anders handeln und kommunizieren als Männer und einen Teil ihres femininen Lebens vermissen. Im Laufe der 90er Jahre hat sich das Rollenverhältnis endlich eingependelt. Heute sind Frauen beruflich weitestgehend gleichberechtigt, mit Ausnahme von absoluten Führungspositionen im Wirtschaftsbereich. Das aktuelle Beziehungsideal geht nicht mehr von der klischeehaften Ehe und Familie aus, sondern von einer gleichberechtigten Partnerschaft, in die Mann und Frau ihre Stärken einbringen und beide nebeneinander stehen. Es wird jedem freigestellt, selbst zu entscheiden, wer die Ernährerrolle übernimmt oder ob sich beide Partner diese teilen. Selbst die Inanspruchnahme des Erziehungsurlaubs wird heute entweder Vater oder Mutter ermöglicht. Der heutige Idealmann ist weder Macho noch Weichei - er soll zwar weinen können, Gefühle zeigen und sich Zeit für Partnerin und Kinder nehmen, aber dennoch eine Schulter zum anlehnen bieten und beruflich erfolgreich sein. Mit der Idealfrau verhält es sich ähnlich. Sie soll durchaus feminin sein, dabei jedoch ihren eigenen Willen haben, ihre eigenen Ziele verfolgen und nicht mehr die dienende Hausfrau am Herd repräsentieren. Auch die Rolle des Prestigeobjekts ist nicht mehr ausschließlich der Frau zugeteilt - gerade bei beruflich erfolgreichen Frauen gilt ein repräsentativer, gutaussehender und oft auch jüngerer Mann durchaus als Statussymbol. Beispiele hierfür sind Madonna und ihr Guy Ritchie oder Vivienne Westwood, die ebenfalls einen jüngeren Mann an ihrer Seite weiß.

Die klassischen Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau verschwimmen zusehends. Die Geschlechter nähern sich einander an, ohne dabei jedoch ihre eigene Identität aufzugeben.

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer