Die Rolle des Korsetts im 21. Jahrhundert

Trotz der Befreiung aus vielen gesellschaftlichen Zwängen, Gleichstellung der Geschlechter, medizinischer und sexueller Aufklärung im 20. Jahrhundert, ist das Korsett nie aus der zivilisierten Gesellschaft verschwunden. Selbst in den Zeiten, in denen es augenscheinlich der sexuellen Befreiung zum Opfer fiel, hatte es stets seine Liebhaber und führte ein unbemerktes Schattendasein hinter den verschlossenen Türen von privaten Schlafzimmern, S/M-Veranstaltungen, Domina-Studios und Sexshops.

Von Zeit zu Zeit kehrte es immer wieder in das Bewusstsein der Allgemeinheit zurück und offensichtlich ist dies gerade im Moment der Fall. Betrachtet man die aktuellen Kollektionen der großen französischen und italienischen Designer, so findet man zahlreiche Variationen des Korsetts - von klassisch bis futuristisch, von Dior bis Yves Saint Laurent. Auch Modemagazine widmen dem Korsett eigene Artikel, so z.B. die Ausgabe Januar-März 2001 der Moda In / Collezioni Edge.
Meine persönliche Erfahrung als Korsettdesignerin unterstützt diesen Eindruck - ich erhielt in kürzester Zeit ohne jegliche Werbung mehr Aufträge für Maßkorsetts, als ich alleine bewältigen konnte.
Was steckt hinter diesem zeitgeistlichen Phänomen? Warum tritt es gerade jetzt auf und welche gesellschaftlichen Veränderungen hängen damit zusammen? Wer identifiziert sich mit diesem Trend und aus welchen Beweggründen?

1. Gesellschaftliche Veränderungen

Modetrends sind immer Spiegel von gesellschaftlichen Veränderungen. Möchten wir verstehen, warum das Korsett auf dem besten Weg zu einer erneuten Renaissance ist, müssen wir die Gründe hierfür in erster Linie in den Veränderungen unseres sozialen Umfelds suchen.

Eine Gesellschaft der individuellen Selbstverwirklichung
Im Zuge der Emanzipation hat sich nicht nur die Frau von gesellschaftlichen Vorgaben befreit, sondern das Individuum an sich. Im Laufe der letzten 50 Jahre haben sich viele "dos" und "don´ts" in Luft aufgelöst. Heute wird es jedem Menschen weitestgehend gestattet, selbst zu entscheiden, wie er sein Leben gestalten möchte. Dies beginnt mit Äußerlichkeiten, führt über Berufswahl bis hin zu privaten Bereichen wie Sexualität und Partnerschaft.
Eine Gesellschaft der Selbstdarsteller
Seit einiger Zeit kann man beobachten, dass augenscheinlich viele Menschen das Bedürfnis haben, ihr Leben in der Öffentlichkeit zu führen. Bestes Beispiel hierfür sind der Erfolg diverser Talkshows und Erscheinungen wie Big Brother, denen es an exhibitionistischen Kandidaten nicht mangelt. Die Eigenart, sich auffallend, extravagant zu kleiden ist eine andere Form des gleichen Phänomens.
Ein Teil der betroffenen Personen zeigt dadurch, dass sie zu sich selbst und ihrer Lebensweise stehen und nichts zu verbergen haben. Ein anderer Grund für ein solches Verhalten, ist sicherlich ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und der Wunsch, in unserer reizüberfluteten Welt wahrgenommen zu werden.
Eine Gesellschaft ohne sexuelle Tabus
In den letzen 40 Jahren hat sich unsere Gesellschaft weitestgehend von sexuellen Tabus befreit. Mit Aufkommen der Pille in den 60er Jahren, wurde vorehelicher Geschlechtsverkehr zum Alltag. In den Zeiten der freien Liebe, den 70ern, gehörten wechselnde Bettgenossen beinahe zum guten Ton ("Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment"). In den 80ern und 90er Jahren schließlich fanden bis dahin als abartig geltende sexuelle Vorlieben Einzug in das öffentliche Leben und Elemente aus dem Fetisch- und S/M-Bereich waren im Alltag bald nichts Außergewöhnliches mehr. Die distanzierte Form der Sexualität, bei der jegliche Kopulation fehlte, könnte eine unbewusste Reaktion auf die aufkommende Gefahr von AIDS gewesen sein. In der populären Kultur spiegelten sich die sogenannten devianten Formen der Sexualität am offensichtlichsten wieder: Die britische New Wave-Band Depeche Mode schockierte 1984 mit ihrem Hit "Master and Servant" (Herr und Diener) und Madonna provozierte in ihrem berühmten Gaultier-Korsett. "Perversität" wurde durch diese Popularisierung ihres Nischendaseins beraubt und heute ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass ein Topmanager sich von einer Domina den Hintern versohlen lässt, die Hausfrau im Sexshop lederne Fesseln kauft oder mit ihrem Gatten in Swinger-Clubs verkehrt. Selbst die Prostitution ist auf dem besten Weg, gesellschaftliche Akzeptanz zu finden - ein Grossteil der Bürger unterstützt die Forderung ihrer Anerkennung als legales Berufsbild. Die Allgemeinheit hat gelernt, das Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse haben und verurteilt niemanden mehr dafür, sondern gestattet jedem, diese auszuleben - solange keiner Schaden dabei nimmt und es aus freiem Willen beider Seiten geschieht.
Eine Gesellschaft des Körperkult
Noch nie hatte ein attraktiver Körper einen so hohen Stellenwert wie in unserer Zeit. Ein schlanker, sportlicher und sexuell anziehender Körper signalisiert Wohlstand, Ehrgeiz und Erfolg. Attraktivität erleichtert das Leben ungemein und verschafft dem Betreffenden enorme Vorteile im Alltag. Um dies zu erreichen, sind viele Menschen bereit, harte Arbeit und viel Geld zu investieren. Kein Preis scheint für die Ware Schönheit zu hoch zu sein, körperliche Strapazen und Gesundheitsrisiken werden billigend in Kauf genommen. Fitnessstudios haben in den letzten Jahren einen enormen Zulauf zu verbuchen; Schönheitsoperationen sind beinahe so normal geworden wie der Gang zum Zahnarzt.
Das Tragen eines Korsetts ist vergleichsweise eine sehr schnelle und einfache Möglichkeit, den Körper zu modifizieren und attraktiver erscheinen zu lassen. Man kann es genau dann anlegen, wenn man die Wirkung einsetzen möchte und muss lediglich für die Zeit des Tragens mit einem gewissen Engegefühl, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und einer flachen Atmung leben.
Ein Leben nach Außen
Die Anforderungen, die heute an uns als Teil der Gesellschaft gestellt werden, sind enorm hoch. Beruflicher Erfolg, Attraktivität, Verzicht auf das Privatleben sind nur einige Beispiele. Einen Grossteil unserer Zeit beschäftigen wir uns damit, unser Bild nach außen positiv zu repräsentieren. Dabei vernachlässigen wir es, auf uns selbst und unsere eigentlichen Bedürfnisse zu achten. Da der Mensch sich jedoch von Zeit zu Zeit selbst spüren muss, sucht er sich hierfür Möglichkeiten. Yoga, Extremerlebnisse wie Bunjee Jumping oder das Tragen eines eng geschnürten Korsetts sind nur einige Methoden, um seinen Körper bewusster zu erleben.
Unsere Umwelt bombardiert uns täglich mit unglaublich vielen visuellen und akustischen Reizen. Die taktilen Fähigkeiten werden im Gegensatz dazu nur noch relativ wenig beansprucht. Doch gerade das Fühlen, zu dem wir mit dem gesamten Körper in der Lage sind, ist für unser eigenes Empfinden von besonderer Wichtigkeit, denn dadurch nehmen wir nicht nur Informationen aus unserer Umwelt auf, sondern spüren uns auch selbst. Alltagskleidung fühlen wir zwar auch auf der Haut, sind jedoch daran gewöhnt und nehmen sie nicht mehr bewusst wahr. Ein Korsett jedoch spürt man jeden Moment des Tragens und es führt dem Träger die Existenz des eigenen Körpers jede Sekunde vor Augen.
Die Nach-68er Generation
Als Folge der Studentenbewegung 1968 forderten viele junge Frauen eine Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen. Sie wollten berufliche und politische Chancengleichheit - eine ganze Generation brach mit dem Rollenverständnis ihrer Mütter und hatte eine neue, eigene Vorstellung vom Leben. Stellvertretend für den kleinbürgerlichen Muff der 50er und 60er Jahre, verbrannten sie ihre BHs und forderten damit gesellschaftliche und sexuelle Freiheit. Der BH war Symbol, für die traditionelle, von Männern definierte Frauenrolle - die Parallelen zur Befreiung aus dem Korsett sind unübersehbar. Dass es für viele dieser Frauen eine unglaublich negative Vorstellung wäre, sich in ein Korsett zu zwängen, ist nachvollziehbar und würde für sie einer Kapitulation gleichkommen.
Die nachfolgenden Töchter der 68er sind heute junge Frauen. Sie wuchsen in der hart erkämpften, relativen Gleichberechtigung auf. Ihr Selbstverständnis als Frauen in unserer Gesellschaft ist wesentlich unverkrampfter und unvorbelasteter, als das ihrer Mütter. Sie spielen wieder mit ihrer Weiblichkeit, sehen nicht nur die Nachteile derselben, sondern auch ihre Vorteile. Das Leben als Sexsymbol, oder zumindest als begehrenswerte Frau, scheint ihnen weniger Steine in den Weg zu legen als Türen zu öffnen. Das Korsett ist in diesem Sinne ein willkommenes Mittel zum Zweck.

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer