Die Geschichte des Korsetts

4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910

Die Jahre nach der Französischen Revolution waren zum einen von einem Verlangen nach Freiheit geprägt - Freiheit von der Monarchie, Freiheit des Geistes, Freiheit des Körpers ("Egalité, Fraternité, Liberté") zum anderen von der politischen Neuordnung Europas und der Einführung demokratischer Grundrechte.

Die Jahrhundertwende und der Beginn des 19.Jahrhundert waren für ganz Europa eine Zeit der Umorientierung. Das vorherrschende Wirtschaftssystem war nun der Kapitalismus. Die Ständegesellschaft mit Geburtsrecht wurde durch eine Leistungsgesellschaft ersetzt; es wurden erste demokratische Grundrechte für mündige Bürger eingeführt. Gemeinsam mit den technischen Neuerungen, z.B. der Dampfmaschine, führten diese Voraussetzungen geradewegs ins Zeitalter der Industrialisierung und des Fortschritts (Chronik der Weltgeschichte S.220).

Das Handwerk verlor zusehend an Bedeutung, - es war der Aufbruch in eine Zeit der Technik, der Maschinen und Fabriken. Vorreiter hierfür war England. Hier begann man bereits 1770 die Textilindustrie durch Web- und Spinnmaschinen zu revolutionieren; andere Branchen zogen schnell nach. Im Rest Europas begann die Bewegung etwa 70 Jahre später.

Als direkte Folge der Industrialisierung entwickelte sich eine Gesellschaftsordnung, die in ihren Grundzügen bis ins 20.Jahrhundert erhalten blieb und sich nur langsam verändert hat. Die neu gegründeten Fabriken, in denen Konsumgüter - insbesondere Textilien - in Massenproduktion gefertigt wurden, verdrängten Familienbetriebe und Manufakturen und begründeten damit das klassische Arbeitnehmer - Arbeitgeberverhältnis, das wir bis heute kennen. Von nun an unterteilte sich die Gesellschaft in proletarische Unterschicht, bürgerliche Mittelschicht und finanzstarken Bourgeoisiem und Unternehmertum als Oberschicht.

Abb.6: "Die Familie Webrun", Simon Meister, 1831

Als indirekte Folge kam es zu einer neuen Rollen und Aufgabenverteilung innerhalb der Familie. Dem Mann wurde von nun an die außerhäusliche Aufgabe zugeteilt, den Unterhalt der Familie zu sichern und darüber hinaus für größtmöglichen Wohlstand zu sorgen. Die Frau hatte die Aufgaben, sich für Haushalt, Ehemann und Kindererziehung zu sorgen und als geschmücktes Prestigeobjekt Wohlstand und den beruflichen Erfolg des Mannes zu repräsentieren. (s. Abb.6)
Neben den neuen Schichten gab es von nun an eine gravierende Teilung des Lebens in Männerwelt und Frauenwelt. Dies galt verstärkt in der wohlhabenden, bürgerlichen Mittel- und Oberschicht die nun die führende kulturelle Schicht darstellte. In den unteren Arbeiterschichten vollzog sich die Trennung langsamer. Hier mussten - ähnlich wie in einem Familienbetrieb - auch Frau und Kinder durch Arbeit zur Ernährung der Familie beitragen, da der Lohn des Ehemanns zum Überleben nicht ausreichte. Für die Ehefrauen bedeutete dies meist schlechtbezahlte Beschäftigung in den Textilfabriken oder Heimarbeit. Hier nähten sie im Auftrag von Zwischenmeistern, die die neu entstanden Konfektionsindustrie belieferten. Die Frauen der Ober- wie auch die der Unterschicht hatten somit entscheidend Einfluss auf die Entstehung der Konfektionsmode. Die einen als nimmersatte, eitle Konsumentinnen, die anderen als unterbezahlte, ausgebeutete Arbeiterinnen (Schnellkurs Mode S.98).

Die Ausblendung von Moral und Gefühl aus dem Arbeitsleben führte dazu, dass diesen Werten im privaten Bereich eine erhöhte Wichtigkeit zukamen und sich nach den freien Jahren von Empire und Directoir (1775 - 1815) eine sehr bodenständige, bürgerlich-konservative und moralisch engstirnige Gesellschaft entwickelte (Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 66/67).

Das modische Bild der Zeit passte sich den neuen Gegebenheiten an. Von nun an trug der Mann nüchterne, einheitliche Anzüge die auf das wesentliche beschränkt waren und die vom Geschäftsmann geforderte Korrektheit und Zurückhaltung vermittelten. Die Männermode sollte sich nur noch in Details verändern. In den Grundzügen ist sie uns bis heute erhalten geblieben (Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 69).
Die Frauenmode jedoch, nahm durch die repräsentative Rolle der Frau schnell Abschied von dem natürlichen, schlichten Empirekleid. Die Frauen der Oberschicht gaben alle "schmutzigen" Arbeiten an Angestellte ab. Dementsprechend dekorativ und alltagsuntauglich wurde auch bald die Mode und griff mit Korsett und Reifrock die Grundformen des Rokoko wieder auf. Entsprechend der neuen Biederkeit, kleidete man sich nun jedoch sittsam hochgeschlossen und durch vielerlei Schleifen, Stoffrollen und Rüschen verziert.

Etwa ab 1820 kehrte das versteifte Oberteil, nun endlich unter der Bezeichnung "corset" bzw. "Korsett" zurück. Es war Ausdruck der Moral des Mittelstandes, der die nachlässigen Sitten der vorangegangen Jahre anprangerte (Schnellkurs Mode S. 93).
Da das Korsett im 19.Jahhundert so eng mit der unemanzipierten Rolle der Frau als Mutter und Repräsentantin des Haushalts und des Ehemanns in Verbindung steht, wird es aus heutiger Sicht häufig mit einem Folterinstrument gleichgesetzt, das die Ehefrau sittsam und gefügig machen sollte und sie jeglicher Freiheit beraubte.

Die betuchtere Dame ließ es sich als Maßanfertigung von der Corsetière anfertigen. Bereits 1820 begann man jedoch mit der industriellen Fertigung des Korsetts, wodurch es einer breiten Mittelschicht zugänglich wurde und sich modisch schnell durchsetzte (Reclams Mode- & Kostümlexikon S. 92). Für die Frauen der Unterschicht waren selbst diese Billig-Korsetts unerschwinglich und sollten es auch die folgenden Jahrzehnte bleiben. 1865 entsprachen die günstigsten im Preis noch immer dem Wochenlohn einer Fabrikarbeiterin. Sie fertigten ihre Korsetts selbst an um dem allgemeinen Bild zu entsprechen. Vor allem diese selbstgenähten und die normierten Industriekorsetts führten durch mangelnde Passform und Standardisierung zu körperlichen Schädigungen (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 146).

Zu Beginn ihrer Renaissance war die Taille zwar schmal, jedoch noch relativ moderat geschnürt. Während der 30er Jahre des 19.Jahrhundert wurde sie jedoch zur Wespentaille. Die Taille sollte möglichst zerbrechlich wirken und dem modischen Schönheitsideal der Sanduhr entsprechen. Eine Taille von 40cm, die ein Mann mit beiden Händen umspannen konnte, war zwar das Ideal, in der Realität jedoch die absolute Ausnahme. Werbeanzeigen für Korsetts geben Taillenmaße zwischen 45cm und 75cm, einige sogar bis 95cm an. Da man sich der gesundheitlichen Folgen des Schnürens im 19.Jahrhundert durchaus bewusst war, wurde sehr enges Schnüren fast generell abgelehnt. Die oft zitierten Berichte über qualvolle Schnürpraktiken stammen häufig aus sogenannten Korsettkorrespondenzen in Magazinen wie "Englishwoman`s Domestic Magazine" (etwa ab 1860 ) oder "Moralist", deren Beiträge zum Thema Korsett eindeutig dem fetischistischen und sadomasochistischen Umfeld zuzuordnen waren und keineswegs den realen Alltag der damaligen Zeit darstellten (Fetisch - Mode, Sex und Macht S. 64 - 66).

Abb.7: Durch Einlagen & Stäbchen-versteiftes Korsett,ca.1820

Die Korsetts des 19.Jahrhunderts wurden, entsprechend der strengen Moral, prinzipiell als Unterbekleidung (über einem Hemdchen als Korsettschoner) unter dem hochgeschlossenen Kleid getragen. Nur zu repräsentativen, abendlichen Anlässen zeigte man Dekolleté - dieses war jedoch nicht sehr tief, ließ die Brust immer bedeckt und gab dafür die Schultern frei. (s. Abb.6, S.7) Zunächst war das neue Korsett an die Rokoko-Schnürbrust angelehnt und hatte noch schmale Schulterträger die wegen ihrer sehr weit außen liegenden Position Achselbänder genannt wurden (s. Abb. 7)
Durch Einlagen & Stäbchen-versteiftes Korsett,ca.1820). Während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts bedeckte das Korsett stets die Brust. Es formte diese zwar rund nach, betonte sie jedoch nicht übermäßig. Die Unterkante des Korsetts wanderte immer weiter über die Hüfte, bis es diese schließlich ganz mit einbezog, da man noch immer eine relativ schmale, hüftumspielende Silhouette bevorzugte und ein rundlich modellierter Bauch dem Schönheitsideal entsprach. Diese relativ langen, geschwungenen Korsetts tragen wegen ihrer Form den Namen Sanduhrenkorsetts (s. Abb. 8) (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 150).

Abb.8: Sanduhrenkorsett mit wenig Stäben, ca. 1844

Die benötigten Kurven im Brust- und Hüftbereich erhielt man nun durch eingesetzte Zwickel, die etwa ab 1840, durch die Entdeckung des Kautschuks, elastisch sein konnten. Verzichtete man auf Zwickel, erhöhte man die Anzahl der Längsnähte, um eine stärkere Taillierung zu ermöglichten. In der Regel bestand ein Korsett aus 10-12 Schnitteile, d.h. 5-6 pro Hälfte, plus der zusätzlichen Zwickel. Die Fischbeinstäbe wurden nur noch in den Nähten eingeschoben. Das Korsett war somit wesentlich leichter als sein Vorgänger aus dem letzten Jahrhundert.
Die Schnürung befand sich prinzipiell im Rücken des Korsetts. In der Regel waren die Korsetts aus festem Drell in weiß oder grau gefertigt, als Luxusvariante stellte die Corsetière jedoch auch seidene Modelle her. 1828 erfand die Industrie Metallösen, die die von Hand festonierten Schnürlocher ablösten. 829 kam in Paris ein neuer Frontverschluss auf, der den Blankscheit ersetzte. Er bestand aus zwei Stahlschienen; eine mit Knöpfchen versehen, die andere mit Ösen, die man auf die Knöpfe hängte und das Korsett so verschloss. Dies ermöglichte einen wesentlich einfacheren Umgang mit dem Korsett, da die Schnur dauerhaft in den Schnürösen verblieb und nur noch von unten und von oben zur Taille hin festgezogen wurde (Corsets and Crinolines S. 75 - 79). Der neue Verschluss war eine enorme Erleichterung für die Damen der Zeit, da man von nun an kein helfendes Paar Hände von Ehemann oder Dienstmädchen mehr benötigte um das Korsett an- und auszuziehen, was die schnelle Verbreitung des Korsetts zusätzlich unterstütze. Da man das Korsett nun auch in der Mittagspause bequem ablegen konnte, trugen diese den passenden Namen Faulenzer" (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 107 - 109).

Abb.9: Kurzes Miederkorsett mit Frontverschluss, ca. 1860

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Röcke immer weiter - damit kam die neue Form des kurzen Miederkorsetts in Mode. Die Unterkante des Korsetts rutschte nun wieder höher, da eine umfassende Hüftmodellierung unnötig wurde und das kürzere Korsett mehr Bewegungsspielraum (beispielsweise zum Sitzen) ließ. Durch die neue Länge fielen die Zwickel im Hüftbereich weg. Stattdessen verwendete man mehr Schnitteilen, wodurch eine stärkere Taillierung möglich wurde. Auch die Vorderfront ließ sich durch eine größere Anzahl an Längsnähten im Taillenbereich stärker konkav nach innen ziehen. Durch das extreme Nachinnenziehen der Taille und das Herabrutschen der Korsettoberkante wurde die Brust nun nach oben geschoben und dadurch betont. Auch die Achselbänder verschwanden für immer, da die erhöhte Anzahl der Fischbeinstäbe ausreichend Halt gab (s. Abb.9).

Etwa 1870 verschwand die Krinoline aus der Mode. An seine Stelle trat nun die Turnüre - ein mit Rosshaar gepolstertes Drahtgestell, das über dem Gesäß lag und in der Taille festgebunden wurde. Darüber trug man ein Kostüm, bestehend aus schmalem Rock und kurzem Jäckchen. (s. Abb. 10)
Besuchskleider in Kürass-Silhouette, 1879)

Abb.10: Besuchskleider in Kürass-Silhouette, 1879

Diese Silhouette brachte die Kürass-Taille in Mode. Diese lag zum einen etwas höher als die natürliche Taille und war zudem sehr lang. Das Kürass-Korsett zeichnet sich dementsprechend auch durch seine auffallende Länge und Steifheit aus. Es reicht sehr weit über die Hüften, da diese ja nun offensichtlicher Bestandteil der Figur war. Die Oberkante umfasste nur die untere Hälfte der Brust schalenartig, wodurch diese "wie ein Taubenkropf" (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 150) nach oben geschoben wird. Durch die Unnatürlichkeit der neuen Körperform wurden wieder mehr Stäbchen und Versteifungen notwenig. (s. Abb. 11)

Abb.11: Kürass-Korsett mit Löffel-Planchette, 1876

Da das Korsett inzwischen so verbreitet war, dass die Nachfrage nach Walfischbarten das Angebot überschritt, setzte man zunehmend mehr Federbandstahl oder Spiralfedern aus Stahl zur Versteifung ein.1873 kam ein neuer, geschwungener, löffelförmiger Frontverschluss ("Spoon Busk" ) auf den Markt. Er war am oberen Ende schmal und erweiterte sich zum unteren Ende hin löffelförmig. Er hielt der extremen Formung besser stand als die einfachen Stahlschienen und verlieh dem Korsett zusätzliche Steife (Corsets and Crinolines S. 79 - 83). (s. Abb. 11Abb. 11
Kürass-Korsett mit Löffel-Planchette, 1876)

Es waren besonders diese Kürass-Korsetts, die das heutige Bild des Korsetts geprägt haben. Durch ihre extreme Länge und Steifheit schränkten sie die Damen in ihrer Bewegungsfreiheit so sehr ein, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich anständig und gesittet zu benehmen und zu bewegen. Dieses zurückhaltende, maßvolle Betragen passte perfekt ins Bild einer anständigen Dame und brachte den Korsetts den Ruf von Restriktion, Erziehung und Unterdrückung der Frau ein (Schnellkurs Mode S. 109).

Auch der Gesundheit der Frauen waren die Kürass-Korsetts nicht gerade zuträglich. Heute weiß man zwar, dass sie bei weitem nicht so gesundheitsschädigend waren, wie lange Zeit angenommen ( Mediziner führten 1900 etwa 20 Krankheiten auf das Korsett zurück), dennoch wurde der Brustkasten durch das dauerhafte Einschnüren deformiert, die Rückenmuskulatur bildete sich zurück und besonders der ständige Druck, den der gebogene, im Bauchbereich nach innen gezogene Frontverschluss auf den Magen ausübte, führte zu Problemen. Beide Tatsachen - (Ver-)Formung des weiblichen Körpers sowie des Charakters - führten Ende des 19.Jahhunderts zu Reformversuchen und Aufklärung durch Mediziner und Intellektuelle. Doch es waren die Frauen selbst die sich, trotz aller Einwände, nicht von der schmalen Taille trennen wollten und das vorgeschlagene lockere Reformleibchen ablehnten (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 198-199). Ihre Eitelkeit führte dazu, dass die aufrechte, starre Silhouette, die Hüfte, Taille und Busen betonte, bis zum Ende des Jahrhunderts beibehalten wurde.

Die Form des Korsett veränderte sich im letzten Drittel des Jahrhunderts nur geringfügig entsprechend der jeweiligen modischen Neuerungen. Die Taille rutschte etwa 1890 wieder etwas tiefer und statt der geschwungenen Front setzte sich langsam wieder eine gerade Front durch. Die Palette der angebotenen Korsetts gewann zusehends an Farbigkeit und Materialvielfalt. Man fand zwar noch immer die weißen und grauen Drell- Korsetts der vorangegangen Jahre, bevorzugt wurden nun allerdings Hellblau und Rosé -auch Schwarz, Gelb und Grün kamen zunehmend in Mode. Der glatte, unifarbene Drell wurde durch gemusterte Jacquard- Drells ersetzt. Auch Seiden-, Seidenbrokat- und Satin-Korsetts erfreuten sich bei wohlsituierteren Damen großer Beliebtheit (Corsets and Crinolines S. 83).
Neben der beschriebenen Hauptform des Korsetts gab es zahlreiche Sonderformen zu verschiedenen Anlässen - z.B. Korsetts für Schwangere mit Schnürungen oder Gummizügen im Bauch und Brustbereich; Sportkorsetts die sehr kurz ausfielen und mit wenig Stäben versehen wurden; Badekorsetts; Spezialkorsetts für Magenleiden - im Frontbereich mit elastischer Schnürung anstelle des Metallverschlusses und dergleichen mehr. Am Ende des 19.Jahrhundert war das Korsett durch seinen gesunkenen Anschaffungspreis zum Allgemeingut geworden - das Tragen eines solchen war allen Frauen in jeder Lebenslage zwingend vorgeschrieben (Zur Geschichte der Unterwäsche S. 157).

Abb.12: S-Line Korsett, 1901

Eine weitere Neuerung des S-Line Korsetts waren die nun angebrachten Strumpfhalter. Diese wurden an zwei Laschen an der vorderen Mitte befestigt. Sie hatten neben der Funktion des Strümpfe Haltens den Nebeneffekt das Korsett nach unten zu ziehen und so die typische S-Haltung zu unterstützen.(s. Abb. 13)
S-Line Korsett mit typischer, komplizierter Schnittführung und Laschen führ Strumpfhalter, ca. 1901)
Die Länge der S-Line Korsetts variierte von Hüftansatzhöhe bis hüftumschließend, auch im Brustbereich gab es Unterbrust- oder bruststützende Korsetts. Nachdem diese Mode 1907 ihren Höhepunkt fand, kehrte die weibliche Silhouette immer mehr zum natürlichen Körper zurück. Etwa 1910 war die eng geschnürte Taille endgültig passé. An seine Stelle trat ein langer, gerader, knabenhafter Körper. Das Korsett wurde durch BH und Hüftgürtel oder einem Korselett ersetzt und vor Beendigung der Dekade verschwanden die walfisch- oder stahlverstärkten Korsetts im Zuge der Befreiung der Frau bis heute aus dem alltäglichen Leben (Corsets and Crinolines S. 85 - 87).

Abb.13: S-Line Korsett mit typischer, komplizierter Schnittführung und Laschen führ Strumpfhalter, ca. 1901

Etwa 1900 kam ein letztes Mal eine neue Silhouette in Mode, die ohne Korsett unmöglich gewesen wäre - die bekannte "Sans Ventre"- Linie; zu Deutsch "ohne Bauch". Diese neue Figur war durch eine gerade Front, ganz ohne Bauch, geprägt. Der Busen wurde nach oben sowie der Oberkörper leicht nach vorne gedrückt, Unterleib und Gesäß hingegen sehr weit nach hinten. Dadurch entstand ein starkes Hohlkreuz und der gesamte Körper erhält eine S-förmige Krümmung. (s. Abb. 12) Etwa 1900 kam ein letztes Mal eine neue Silhouette in Mode, die ohne Korsett unmöglich gewesen wäre - die bekannte "Sans Ventre"-Linie; zu Deutsch "ohne Bauch". Diese neue Figur war durch eine gerade Front, ganz ohne Bauch, geprägt. Der Busen wurde nach oben sowie der Oberkörper leicht nach vorne gedrückt, Unterleib und Gesäß hingegen sehr weit nach hinten. Dadurch entstand ein starkes Hohlkreuz und der gesamte Körper erhält eine S-förmige Krümmung. (s. Abb. 12 S-Line Korsett, 1901).

Die neuen, schnitttechnisch hochkomplizierten Korsetts sind bis heute als "S-Line Korsetts" bekannt. Ursprünglich war es als Folge der vielen Warnungen vor Gesundheitsschädigungen als neues, gesünderes Korsett entworfen worden. Sein gerader Frontverschluss übte keine, bzw. deutlich weniger Druck auf die inneren Organe aus. Auch die Atmung wurde wesentlich verbessert, da es den Brustkasten nicht mehr so hoch umschloss und in diesem Bereich weiter gearbeitet war. Durch die unnatürlich Haltung waren jedoch sehr viele Schnitteile (10-15 pro Hälfte waren keinen Seltenheit) und eine extrem starke und komplizierte Versteifung notwendig. Dies machte das Korsett, wie seine Vorgänger, zu einem starren, einengenden und unnatürlichen Panzer, der von der ursprünglichen Intention nichts übrig ließ.

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer