Die Geschichte des Korsetts

2. Renaissance 1500 - 1620

Der Beginn der Renaissance um 1500 war gleichzeitig Aufbruch in die Neuzeit. Das düstere, von der Kirche dominierte Mittelalter war endgültig beendet; das Bürgertum und die Städte hatten ihren Einfluss gefestigt. Besonders in Italien und Spanien bildete sich durch internationalen Handel ein sehr wohlhabender Geldadel - die Patrizier - der den europäischen Fürstenhäusern in nichts nachstand und gemeinsam mit diesen das kulturelle Leben bestimmte (Reclams Mode- & Kostümlexikon S.39).
Die aufkommende humanistische Weltanschauung stand unter griechischem und römischem Einfluss. Wissenschaften wie Astronomie, Architektur, Mathematik, Medizin und die Kunst befanden sich in ihrer Blütezeit. Im Gegensatz zum Mittelalter rückte nun der Mensch als Individuum in den Mittelpunkt und Mode wurde zum Ausdruck der Persönlichkeit (Fachwissen Bekleidung S.213).

Abb.1: Königin Elisabeth I, ca. 1592

Etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts erlangte Spanien die politische Macht in Europa und beeinflusste über die nächsten Jahrzehnte Mode und höfisches Leben in Europa. Bis heute ist diese kostümgeschichtliche Epoche als Spanische Hofmode (1550 - 1620) bekannt. Diese zeichnete sich vor allem durch seine Nüchternheit und Strenge, sowie seiner steifen, künstlichen Silhouette aus. Besonders die weibliche Silhouette wurde auf zwei glatte, leblos aufeinander stehende Kegel reduziert. Um dies zu erreichen trugen Frauen zum ersten Mal einen Reifrock namens Verdugado und ein extrem mit Fischbein verstärktes Mieder, das die Merkmale des natürlichen Frauenkörpers völlig negierte. Darüber wurde ein faltenloses, hochgeschlossenes und bodenlanges Kleid getragen (Fachwissen Bekleidung S.215).
Die Spanische Mode breitete sich schnell an den Höfen Europas aus, wurde jedoch nach regionalem Geschmack verändert. So waren die französische, deutsche und englische Variante farbenfroher und behielten das Dekolleté bei. Besonders das elisabethanische England übersteigerte die stilisierte Form bis ins Groteske und wandelten die spanische Nüchternheit in überladene Pracht um (Schnellkurs Mode S. 55).

Diese Renaissance-Mode war der herrschenden Adelsschicht vorbehalten. Sie repräsentierte durch die Kostbarkeit der Materialien ihren Reichtum und grenzte sich dadurch von der arbeitenden Bevölkerung ab (Fachwissen Bekleidung S.213). Die Form der Kleidung, insbesondere Mieder und Reifrock, hätten gar keine körperliche Betätigung zugelassen. Diese Tatsache war zusätzlich Ausdruck von privilegiertem Status. Bauern und Handwerker hingegen, trugen bequeme Arbeitskleidung, die später zur Tracht wurde. Die Mode teilte die Gesellschaft somit horizontal in Klassen - von oben nach unten.Das Renaissance- Korsett war interessanterweise eine Nachahmung des männlichen Wams, der ebenso steif und stilisiert war und in der vorderen Mitte spitz zulief. (s.Abb.2)

Abb.2: Mann im Gänsebauch; Spätes 16. Jahrhundert

In der Renaissance glaubte man, dass Männer und Frauen im Grunde den gleichen Körper besitzen; einziger Unterschied sei das bei der Frau im Körper verbliebene Geschlechtsorgan, welches sich bei den Männern nach außen gestülpt hatte. Der Rückschluss daraus war, dass die Frau somit eine minderwertige Variante des Menschen und damit dem Mann untergeordnet sei (Fachwissen Bekleidung S.213).
Diese Weltsicht machte den Mann zum Maßstab für den Menschen und die Frauen versuchten, sich durch Imitation diesem Ideal anzunähern.

Zu Beginn der Renaissance löste sich der Rock vom Kleidoberteil und man begann, es mit Fischbein, Stahlstäben, Rohr, Elfenbein oder Holzscheiten zu verstärken und die Vorderfront auszupolstern, um die gewünschte, steife Silhouette zu erhalten. Um das weiblichste Körpermerkmal, die Brust, zu negieren, wurden sogar Bleiplatten im Brustbereich eingearbeitet. Dieses neue Kleidungsstück erhielt in Frankreich den Namen "cors", später im neufranzösischen "corps", den es bis ins 19.Jahhundert behalten sollte.

Abb.3: Schnürbrust, stark versteift (graue Flächen) frühes 17.Jahhundert

In Deutschland nannte man diesen Teil der weiblichen Oberbekleidung im allgemeinen Mieder und es hatte seine Blütezeit im 16. Jahrhundert. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert entwickelte sich daneben die sogenannte Schnürbrust. Diese wurde unter dem unversteiften oder nur leicht versteiften Kleidoberteil als separates Kleidungsstück getragen. Erst als sich die Kleider in der vorderen Mitte öffneten, gewann die Schnürbrust an Wichtigkeit in der weiblichen Garderobe. Sie war aus edlen Stoffen gefertigt und reichlich verziert, da die Vorderseite als dekoratives Element unter dem geöffneten Kleid zu sehen war (Corsets and Crinolines S. 19). Sowohl in Mieder wie Schnürbrust wurde in der vorderen Mitte das Planchette, zu deutsch Blankscheit, eingearbeitet. Dies war ein besonders kräftiger Holzscheit, der die charakteristische, lange Spitze des Oberteils namens Schneppe bildete. Die Schneppe wird, genauso wie die Spitze des männlichen Wams, als deutlicher Hinweis auf das Geschlechtsorgan interpretiert, welches ja ansonsten ganz und gar versteckt und verdeckt wurde und ist somit als subtiles, erotisches Lockmittel zu verstehen (Schnellkurs Mode S. 60). Der Schnitt der Schnürbrust war noch relativ simpel gehalten. Ihr Sinn war ja auch nicht, die komplizierte Form des weiblichen Körpers nachzuempfinden, sondern diesen in eine kegelförmige Röhre zu verwandeln, was mit wenigen einfachen Schnitteilen zu erreichen war. Es bestand in der Regel aus 4 Teilen, zwei pro Hälfte, und wurde in der vorderen oder hinteren Mitte geschnürt (Corsets and Crinolines S. 19). Auch hierbei gab es regionale Vorlieben - die Engländer schnürten nur in der Rückenmitte, die Franzosen hingegen verwendeten beide Möglichkeiten, bevorzugten jedoch die Frontschnürung. Da das vorn geöffnete Kleid verstärkt in Frankreich Mode war, wurde hier die Schnürung im Vorderteil als dekoratives, sichtbares Element ausgearbeitet oder von einem reich verzierten, separaten Teil namens Stecker abgedeckt. Die Schnürbrust reichte von der Achsel bis zum Hüftansatz und war mit zwei Schulterträgern versehen. Am unteren Saum waren Laschen angebracht, die unter den Reifrock geschoben wurden. Nur die Schneppe lag sichtbar über dem Rock (Reclams Mode & Kostümlexikon S. 316). (s. Abb. 3)

Diplomarbeit Tonia Merz,
FHTW Berlin 2001

Diplomarbeit Tonia Merz - FHTW Berlin

Die Geschichte des Korsettes

  1. Das Korsett im Wandel der Zeit
  2. Renaissance 1500 - 1620
  3. Barock & Rokoko 1640- 1775
  4. Das industrielle Zeitalter 1820 - 1910
  5. Männer im Korsett

Die Rolle des Korsetts im 21. Jhd.

  1. Gesellschaftliche Veränderungen
  2. Der Wandel der Geschlechterrollen
  3. Typisierung verschiedener Korsettträger
  4. Resumee

Schlüsselreiz Taille

  1. Soziobiologische Faktoren
  2. Soziokulturelle Faktoren

Anhang

  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis
  3. Copyright-Vermerk - Disclaimer